Wirken legale Flächen illegalen Graffiti entgegen?

Wirken legale Flächen illegalen Graffiti entgegen?

 

Ob an Häuserfassaden, auf Mauern und Brückenpfeilern, an öffentlichen Plätzen, in Bahnhöfen und an Haltestellen, in Toilettenanlagen oder auf Verkehrsmitteln: Es gibt vermutlich keine Ortschaft, in der nicht irgendwo auch Graffiti-Künstler ihre Spuren hinterlassen haben.

Doch auch wenn oder vielleicht gerade weil Graffiti allgegenwärtig sind, stoßen sie auf geteilte Meinungen. Während die einen den bunten Farbklecksen in den sonst grauen Betonwüsten durchaus Positives abgewinnen können, sind die anderen von den hässlichen Schmierereien genervt.

Fairerweise werden zwar auch die größten Kritiker einräumen, dass es gewaltige Unterschiede zwischen den Graffiti gibt. Die Bandbreite reicht von handwerklich richtig gut gemachten Kunstwerken mit Stil und Botschaft bis hin zu unsinnigen und tatsächlich komplett überflüssigen Kritzeleien.

Unterm Strich bleibt jedoch der Schaden stehen. Um die ungeliebten Kunstwerke wieder zu beseitigen, müssen Immobilienbesitzer, Städte und Gemeinden Jahr für Jahr tief, sehr tief in die Tasche greifen.

 

Wie wichtig ist der Ruhm?

Es ist Nacht geworden in der Stadt. Die Büros, Praxen und Geschäfte haben längst geschlossen. Auf den Straßen sind so gut wie keine Autos mehr unterwegs und die Bürgersteige sind wie leergefegt.

Nur die vereinzelten Lichter der Straßenlaternen durchbrechen die Dunkelheit. Doch plötzlich, scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht, steht ein junger Mann vor einer Hauswand. Er ist dunkel gekleidet, hat die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht gezogen und trägt Handschuhe. Er nimmt Spraydosen aus seinem Rucksack und stellt sie neben sich auf der Straße auf.

Zuerst sprüht er die Außenlinien auf, dann füllt er die Flächen mit Farbe aus und danach setzt er hier und da noch ein paar Highlights. Zum Schluss signiert er sein Werk mit seinem persönlichen Markenzeichen und einer Nummer. Durch das Markenzeichen, das ein Symbol oder Kürzel sein kann, wissen die Kollegen aus der Szene, wer hier am Werk war.

Die Zahl belegt, das wievielte Graffito des Sprayers hier zu sehen ist. Nach ein paar Minuten ist alles vorbei. Der Jugendliche ist mitsamt seinen Dosen genauso schnell und unauffällig in der Dunkelheit verschwunden, wie er aufgetaucht war. Was zurückbleibt, ist das bunte Bild auf der Hauswand.

So oder so ähnlich läuft es in vielen Nächten und an vielen Orten ab. Dabei suchen sich die Sprayer bevorzugt Flächen aus, die auffällig sind und genug Platz für ein großes Graffito bieten. Schließlich garantiert ein großflächiges Bild an prominenter Stelle, bei dem der Sprayer ein hohes Risiko, erwischt zu werden, eingegangen ist, sehr viel mehr Anerkennung als irgendein kleines Piece irgendwo in einer dunklen Seitengasse.

Wer sich einen Namen in der Szene machen möchte, darf die Gefahr nicht scheuen. Natürlich spielt der Nervenkitzel nach wie vor eine große Rolle. Aber die Graffiti-Gemeinde scheint seit Jahren kontinuierlich zu wachsen und mit ihr wächst auch der Wettbewerb. Ruhm, Anerkennung und Respekt haben deshalb scheinbar an Bedeutung gewonnen, während der reine Nervenkitzel fast ein wenig in den Hintergrund getreten ist.

 

Wirken legale Flächen illegalen Graffiti entgegen?

Graffiti sind nicht automatisch und von Haus aus unschöne Schmierereien. Das Malen mit Spraydosen und Farbstiften ist längst als Kunstrichtung anerkannt und erfordert genauso viel Wissen, Können und Übung wie jede andere Kunstrichtung auch. Aber die meisten Immobilienbesitzer, Städte und Gemeinden möchten Graffiti nicht ausgerechnet an ihren Häuserfassaden, Wänden und Mauern haben.

Schließlich hängt sich auch nicht jeder ein klassisches Ölgemälde oder ein modernes Acrylbild ins Wohnzimmer, nur weil es sich bei diesen Werken um anerkannte Kunstarbeiten handelt. Wer ein solches Bild in seinem Wohnzimmer aufhängt, tut dies freiwillig. Bei Graffiti ist das anders, denn nur wenige davon sind Auftragsarbeiten. Stattdessen hinterlassen die Sprayer ihre Arbeiten einfach, ohne vorher zu fragen. Dies ist sicherlich ein Grund dafür, warum viele nicht von einer zierenden Verschönerung, sondern von einer Verschandelung der Fassaden sprechen.

Um einen Ausweg aus der Misere zu finden und die Flut illegaler Graffiti einzudämmen, richten immer mehr Städte und Gemeinden legale Graffiti-Flächen ein. Hier sind die bunten Bilder ausdrücklich erwünscht und die Sprayer dürfen ganz offiziell präsentieren, was sie können. Die Bilanz dieses Lösungsansatzes ist unterm Strich aber ernüchternd. Zwar werden die Flächen gut angenommen und viele Graffiti-Künstler nutzen die Chance, um der Kunstrichtung aus der Schmuddelecke zu helfen.

Aber für Sprayer, die Ruhm und Nervenkitzel suchen, sind legale Flächen keine Option. Vielmehr scheinen die offiziellen Freiluftgalerien erst recht dazu beizutragen, dass der Kick beim illegalen Sprühen noch größer ist. Daneben gibt es an einigen Orten noch einen anderen Effekt, der Unruhe in die Graffiti-Gemeinde bringt. In der Szene gilt es als ungeschriebenes Gesetz, dass die Graffiti anderer Sprayer nicht übermalt werden.

Allerdings wurden schon einige der legalen Graffiti auf den eigens dafür freigegebenen Flächen selbst zum Opfer von Verunstaltungen. Solange es kein Konzept gibt, das dem Ruhm und dem Nervenkitzel Raum lässt, sehen Experten deshalb derzeit nur eine Lösung:

Illegale Graffiti müssen so schnell wie möglich entfernt werden – in der Hoffnung, dass sie wenige Nächte später nicht wieder da sind.

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