Tanzstile in der HipHop-Kultur, 1. Teil

Tanzstile in der HipHop-Kultur, 1. Teil

Das Tanzen ist eines der Kernelemente des HipHop. Grund genug, die Tanzstile in der HipHop-Kultur in einem ausführlichen Ratgeber einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Hier ist Teil 1:

B-Boying, Breaking, Locking, Popping oder Electric Boogaloo sind Namen für Techniken und Tanzstile, die ihre Wurzeln in den Ghettos amerikanischer Großstädte an der Ost- und Westküste haben. Eingebettet in verschiedene Subkulturen, bieten die Tanzstile dem einzelnen Tänzer oder einer Gruppe die Möglichkeit, auch ohne Worte oder körperliche Auseinandersetzungen Anerkennung zu erfahren und sich Respekt zu verschaffen.

Die HipHop-Szene stellt ein Forum zur Verfügung, in dem HipHop-Fans aller Ethnien und Kulturen ihre Identität ausleben und ihre Persönlichkeit entfalten können. Denn jeder, der die Regeln kennt und respektiert, kann mitmachen. Und im Wettbewerb geht es nicht nur um das Messen mit anderen und um die erbrachten Leistungen. Das Ziel ist vielmehr, seinen ganz eignen, unverwechselbaren Tanzstil zu entwickeln.

Mittlerweile wird auf der ganzen Welt HipHop getanzt. Verschiedene Stile, Techniken und Figuren haben sich als eine Art Grundlage etabliert, werden aber fortlaufend abgewandelt oder ergänzt.

Einen Fachjargon gibt es ebenfalls, auch wenn die einzelnen Bezeichnungen je nach Ort und Szene etwas voneinander abweichen können. Doch wie sind die Tanzstile eigentlich entstanden? Was zeichnet sie aus? Und wofür stehen die verschiedenen Bezeichnungen? In einem ausführlichen Ratgeber wollen wir uns die Tanzstile in der HipHop-Kultur einmal genauer anschauen. Den Anfang macht dabei das B-Boying.

 

Die Ostküste und das B-Boying

Das B-Boying entstand Anfang der 1970er-Jahre an der US-amerikanischen Ostküste. Dabei beschreibt der Name, wann die Tanzbewegungen stattfinden. Denn getanzt wird während der Breaks. Breaks sind Stellen, an denen der DJ längere Instrumentalparts mit klaren Rhythmen einspielt.

DJ Kool Herc gab den Tänzern deshalb den Namen B-Boys als Kurzform für Break-Boys. Die B-Boys wiederum erarbeiteten einen Tanzstil der in Anlehnung an den Hit Get on the good foot von James Brown anfangs Good Foot Style genannt wurde. Und schon damals sah der Tanzstil verschiedene Drops und Spins vor.

Weil sich die Tänzer fallen ließen und in den verschiedensten Positionen drehten, um sich dann im Takt der Musik wieder aufzurichten, wurden sie manchmal auch als Boie-oie-oings bezeichnet. Schnelle und teils sehr komplexe Beinbewegungen wiederum bildeten die Basis für die sogenannte Floor- und Footwork. Jedenfalls kreierten die B-Boys einen individuellen Tanzstil, der schon bald durch Back- und Headspins ergänzt wurde.

 

Die Weiterentwicklung des B-Boying

Die Philosophie der HipHop-Kultur “Fight fight with creativity and not with weapons” (Kämpfe mit Kreativität statt mit Waffen) floss Ende der 1970er-Jahre in das B-Boying ein. Die Tänzer griffen verschiedene Elemente aus unterschiedlichen Kampftechniken auf und entwickelten daraus ein breites Repertoire an Powermoves.

Zwei prägende Inspirationsquellen in diesem Zusammenhang waren die seinerzeit sehr beliebten Kung-Fu-Filme und der brasilianische Kampftanz Capoeira. Aber auch Figuren und Bewegungen aus Videospielen bildeten die Grundlage für neue Powermoves.

Mit Beginn der 1980er-Jahre wurden die Medien auf das B-Boying aufmerksam. Beeindruckt von dem sportlichen Tanzstil mit seinen mitunter sehr anspruchsvollen Akrobatikeinlagen, wurde 1981 erstmals ein Auftritt der legendären Rock Steady Crew übertragen. Kurze Zeit später wurde der Kultfilm Wild Style gedreht.

Für den Film Style Wars wurde ein Tanzbattle zwischen der Rock Steady Crew und den Dynamic Rockers aufgezeichnet. Weitere Filme wie beispielsweise Flashdance und Beat Street folgten.

Das B-Boying wurde so immer bekannter und erreichte bald auch Europa und andere Kontinente. Auch die Presse hatte ihren Anteil daran, dass sich der Tanzstil weltweit verbreitete. Denn Journalisten berichteten regelmäßig über diese Säule der HipHop-Kultur. Dabei sprach die Presse aber nicht vom B-Boying, sondern gab dem Tanzstil den Namen Breakdance.

 

Das B-Boying und die Capoeira

Die Capoeira, ein brasilianischer Kampftanz mit religiösem Hintergrund, lieferte die Basis für die mentale Grundeinstellung beim B-Boying. Denn ursprünglich wurde die Capoeira nicht nur zur Selbstverteidigung eingesetzt. Stattdessen wurde sie auch als Möglichkeit genutzt, um die eigene Persönlichkeit auszudrücken und die persönlichen Emotionen und Stimmungen darzustellen, die im Alltag als Sklave unterdrückt werden mussten. Und der HipHop sollte ebenfalls eine Möglichkeit sein, um auf Missstände hinzuweisen und seine Identität auszuleben.

Ein weiteres wichtiges Element aus der Capoeira ist die Malicia. Die Bewegungen im Rahmen der Malicia sollten den bewaffneten Sklavenaufseher verwirren, täuschen und in die Enge treiben, damit der unbewaffnete Sklave dann im passenden Moment einen gezielten, tödlichen Stoß ansetzen konnte. Auch beim B-Boying täuscht der Tänzer seine Gegner, denn seine neuen und spektakulären Bewegungen hebt er sich für den alles entscheidenden Moment auf.

Neben den mentalen Komponenten sind aber auch viele Bewegungen und Figuren aus der Capoeira in das B-Boying eingeflossen. Ein Beispiel hierfür ist der Aù, ein Rad, das der Tänzer schlägt, während die anderen Tänzer einen Kreis um ihn herum bilden.

Beim B-Boying ist aus dem Aú das Cartwheel geworden. Die Handstände und das Laufen auf den Händen haben ihre Wurzeln ebenfalls in der Capoeira. Hier sorgten die Bewegungen dafür, dass die Füße frei waren und für kraftvolle Tritte genutzt werden konnten. Daneben ist die Queda de rins in viele Figuren des B-Boying eingeflossen. Die Queda de rins ist eine Grundposition in der Capoeira und meint einen einseitigen Schulterstand, für den sich in der Tänzer in der Hüfte abstützt. Im B-Boying haben sich daraus die Freezes und die Airchairs entwickelt.

 

Das B-Boying und weitere Inspirationsquellen

Neben der Capoeira lieferten auch andere Kampftechniken und hier insbesondere die in Kung-Fu-Filmen gezeigten Stile und Figuren Ideen für Moves. Drehbewegungen beispielsweise, die der Kung-Fu-Kämpfer nutzt, um vom Boden aufzustehen, wurden beim B-Boying zu den Windmills weiterentwickelt.

Aber auch Kampfgebärden und Fortbewegungsarten aus der Tierwelt inspirierten die B-Boys. Moves wie Poney (auch Donkey oder Bronco genannt), Worm, Spider, Turtle oder Butterfly sind ein paar Beispiele dafür.

Das Boden- und das Geräteturnen, die Zirkusartistik und der Jazzdance steuerten ebenfalls Tanzelemente bei. Aus dem Barrenturnen etwa kommt der Flare, aus dem Bodenturnen der Flic-Flac und aus dem Jazzdance der Leghop. Aus der Zirkusartistik sind Figuren abgeleitet, die die Beweglichkeit und die Körperbeherrschung des Tänzers unter Beweis stellen.

 

Die Basisbewegungen beim B-Boying

Das B-Boying hat drei wesentliche Basisbewegungen, nämlich den Top-, den Up- und den Downrock. Beim Toprock, der auch Shuffle genannt wird, steht der Tänzer und bewegt sich in einem Vierertakt. Beim Downrock stützt sich der Tänzer mit seinen Händen auf dem Boden auf und führt kreisförmig zwei, drei oder sechs Steps aus.

Dabei wechselt er immer wieder aus der Bauch- in die Rückenlage und zurück. Gleichzeitig erledigen die Füße die Floor- oder Footwork. Verschiedene Bewegungen und Abwandlungen davon wie etwa Twists, Sweeps, Rotations oder Origami unterstreichen den individuellen Stil des Tänzers. Mit dem Godown wechselt der Tänzer vom Top- zum Uprock. Auch beim Godown wird im Vierertakt getanzt, und zwar bei 1 und 2 im Stehen und bei 3 und 4 in der Hocke.

Wie gut und originell ein Tänzer das B-Boying beherrscht, hängt nicht nur davon ab, wie sauber er die Moves ausführt und wie synchron er sich zum Rhythmus der Musik bewegt.

Ein ganz entscheidender Faktor ist auch der persönliche Stil. Und er zeigt sich durch die Zusammenstellung der Moves und deren selbst erarbeitete Variationen. Ein guter Tänzer greift also nicht nur auf Basisfiguren zurück oder kopiert andere Tänzer, sondern erfindet seine eigenen Bewegungen.

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