Politische Texte im deutschen HipHop und anderen Musikgenres

Politische Texte im deutschen HipHop und anderen Musikgenres 

Viele verbinden Musik in erster Linie mit Spaß, Unterhaltung und eingängigen Klängen, die sich einprägen, zum Tanzen und zum Mitsingen einladen. Tiefgründige Texte, die klare Statements enthalten oder Kritik an der Politik, dem wirtschaftlichen System und den gesellschaftlichen Strukturen üben, scheinen nicht unbedingt gefragt. 

Ohnehin sind die Sounds und die Beats oft einfach wichtiger als die Texte. Vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren war das anders. Seinerzeit war die Musik ein beliebtes Sprachrohr für politische Aussagen. Aber was heißt das konkret?

Wie ist es um politische Texte im deutschen HipHop
und anderen Musikgenres bestellt?:
 

Politisch motivierte Musik in der Nachkriegszeit

Massentaugliche Pop- und Rockmusik mit politischer Note und klarer Kritik am System verbreitete sich erst vergleichsweise spät in Deutschland. In den USA nutzen Größen wie Pete Seeger oder Woody Guthrie ihre Musik schon in den 1940er-Jahren als Medium für politische Aussagen. Im Unterschied dazu diente die deutsche Musik der Nachkriegszeit rein der Unterhaltung. Sie sollte den Zuhörern Spaß machen, leicht und vergnüglich sein und dazu beitragen, dem Alltag mit all seinen Sorgen für einen kurzen Moment zu entfliehen.

Dies bleib bis in die 1960er-Jahre hinein so. Die großen Protestsänger der damaligen Zeit wie Joan Baez oder Bob Dylan, die sich in ihren Texten gegen die Rassendiskriminierung und den Krieg aussprachen, fanden zwar auch in Deutschland ein Publikum. Nachahmer gab es aber kaum. Erst Ereignisse wie das Attentat auf Rudi Dutschke, der Besuch des Schah oder die Gründung der RAF führten dazu, dass sich junge Deutsche wieder vermehrt für Politik interessierten.

Der Geist der 1968er brachte schließlich viele Musiker dazu, nicht mehr nur über alltägliche Banalitäten zu singen, sondern sich Themen wie der Politik und den sozialen Verhältnissen zu widmen.  

Deutsche Politmusik in den 1970ern

Als Pionier des Politrock in Deutschland gilt die Band Ton Steine Scherben mit ihrem charismatischen Sänger Rio Reiser. 1970 in West-Berlin gegründet und musikalisch im Blues, Beat und Rock zu Hause, lebten die Texte der Band von Gesellschaftskritik und Provokationen. Textzeilen wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Aus dem Weg, Kapitalisten! Die letzte Schlacht gewinnen wir!“ oder „Keine Macht für Niemand“ wurden zu Parolen von Demonstranten und Hausbesetzern.

In ihren Songs kämpfte die Band für Arbeiterrechte, kritisierte Regeln, stellte Immobilienspekulanten samt ihren Plänen, ganze Stadtviertel umzukrempeln, an den Pranger oder verbündete sich Mao und dessen Kommunistischer Partei Chinas. Die propagierten Ideen waren aber nicht nur Texte, sondern die Band setzte sie konsequent um.

So spielten die Musiker ihre Konzerte häufig zum Selbstkostenpreis und veröffentlichen ihre Platten in Eigenregie unter einem unabhängigen Label. Einige Musikexperten sind der Meinung, dass die erste Politband Deutschlands die deutsche Musikszene nachhaltig geprägt hat und bis heute beeinflusst. In den 1970er-Jahren übernahmen aber auch die politisch motivierten Liedermacher eine zunehmend wichtige Rolle.

Ein bedeutender Musiker war beispielsweise Franz Josef Degenhardt. Sein Engagement galt der Friedensbewegung und in seinen Liedern ging es um Themen wie den Prager Frühling oder die soziale Ausgrenzung der Unterschicht. Auch Liedermacher wie Hannes Wader oder Konstantin Wecker bezogen eindeutig Stellung. Sie sangen gegen den Nationalismus, die Fremdenfeindlichkeit und die soziale Ungerechtigkeit. Als gesellschaftliche und kulturelle Instanz wiederum galt der Liedermacher und Dichter Wolf Biermann.

Er war 1953 nach Ost-Berlin ausgewandert, durfte dort aber wegen seiner regierungskritischen Haltung nicht auftreten. Nach einem Konzert in Köln, bei dem er offen und sehr deutlich Kritik an der DDR-Führungsriege geübt hatte, wurde Biermann die Rückkehr in die DDR verweigert und er wurde ausgebürgert. Der Vorwurf lautete, Biermann hätte die staatsbürgerlichen Pflichten grob verletzt. Der Liedermacher ließ sich davon aber wenig beeindrucken und blieb seiner Linie, die politischen und sozialen Verhältnisse in Ost- und Westdeutschland kritisch zu besingen, treu.  

Politische Texte in der deutschen Musik der 1980er

In den 1980er-Jahren prägte die Neue Deutsche Welle die deutsche Musikszene. Politische Aussagen spielten dabei jedoch kaum eine Rolle, im Vordergrund standen vielmehr Spaß, Unterhaltung und Ausgelassensein. Dennoch gab es ein paar Künstler, die sich in ihren Songtexten ziemlich klar äußerten.

Udo Lindenberg beispielsweise thematisierte in seinem „Sonderzug nach Pankow“ die Regierung der DDR mit ihrem Regierungschef Erich Honecker. Die Songs „Pink Panther“ und „Sie brauchen keinen Führer“ wiederum waren klare Statements gegen den Rechtsradikalismus. Die Kölner Band BAP sang in ihrem Song „Kristallnaach“ darüber, wie autoritäre Ideologien die Masse verführen können. Herbert Grönemeyers Song „Amerika“ war offene Kritik an der Außenpolitik der USA.

Aber auch wenn diese und andere Künstler politische Aussagen in ihre Texte einbetteten, sahen sie sich selbst nicht unbedingt Politrocker. Sie verstanden sich tatsächlich als Musiker und nutzen eher Interviews oder entsprechend motivierte Veranstaltungen, um ihre Haltung zu bestimmten Themen zu kommunizieren.  Anfang der 1980er-Jahre hielt die Punk-Bewegung, die aus den USA und England herübergeschwappt war, Einzug in die deutsche Musikszene.

Es kamen Bands mit harter, linksradikaler Ausrichtung auf, die sich den Kampf gegen das System zum Ziel machten. Die Hamburger Bands Slime und Razzia beispielsweise entwickelten sich mit Songs wie „Deutschland muss sterben“, „Neo-Nazi“ oder „Kriegszustand“ zu den musikalischen Aushängeschildern der autonomen Kreise. Auch Die Ärzte und Die Toten Hosen, zwei der erfolgreichsten deutschen Bands überhaupt, sind mit dem Punk der frühen 1980er-Jahre verwurzelt. Beide Bands nutzen zwar nur selten ihre Songs für politische Statements.

Aber Titel wie „Sascha … ein aufrechter Deutscher“ oder „Schrei nach Liebe“ waren unmissverständliche und wirkungsvolle Botschaften gegen fremdenfeindliche Übergriffe. Gleichzeitig war die Musik der beiden Bands ein deutlicher Gegenentwurf zum rechtorientierten Rock, der Ende der 80er und Anfang der 90er zunehmend an Bedeutung gewann. 

Politisch gefärbte Musik ab den 1990ern bis heute

In den frühen 1990er-Jahren trat der HipHop seinen großen Siegenszug in Deutschland an. Gleichzeitig schien der HipHop ein ideales Genre für politisch motivierte Texte zu sein. So ging es im Song „Fremd im eigenen Land“ von Advanced Chemistry beispielsweise um die Problematiken von Kindern mit Migrationshintergrund. Auch deutsche HipHop-Größen wie die Absoluten Beginner oder TCA the Microphone Mafia waren mit politischen Texten erfolgreich.

Nachdem dann HipHop-Acts wie die Fantastischen Vier oder Fettes Brot mit eher harmlosen Texten zu leichteren Alltagsthemen die Charts stürmten, rückte der politisch motivierte HipHop aber in den Hintergrund. Erst durch den Gangster-Rap nach 2003 mit Vertretern wie Bushido, Haftbefehl oder Sido erkannten Musikexperten wieder eine politische und gesellschaftskritische Dimension. Die Texte der HipHop-Künstler berichteten offen und schonungslos über das Leben der Unterschicht, bei dem Armut, Kriminalität und Rassismus feste Bestandteile des Alltags sind.

Einige Fachleute sprachen dieser Form des HipHop sogar das Potenzial zu, den Blick der Gesellschaft für soziale Ungerechtigkeiten zu öffnen und einen Beitrag zur Aufklärung und dem Verständnis zu leisten. Andere hingegen werten die mitunter derb formulierten Aussagen vorrangig als cleveres Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen und folglich die Verkaufszahlen zu steigern.Insgesamt scheinen klare politische Aussagen, kritische Botschaften und markante Parolen seit diesem Jahrtausend aber der Vergangenheit anzugehören.

Es gibt zwar ein paar Bands, die sich durchaus in die politische Ecke einordnen lassen. Beispiele dafür sind Kettcar, Blumfeld, Tocotronic oder Wir sind Helden. In ihren Texten vermeiden sie aber ganz bewusst eindeutige Statements. Stattdessen verpacken sie ihre Kritik eher in behutsame, lyrische und oft erst auf den zweiten Blick erkennbare Formulierungen.

Die offene, schonungslose und unmissverständliche Politmusik in Deutschland ist vielleicht nicht ganz ausgestorben. Seit einigen Jahren befindet sie sich aber in einem sehr tiefen Dornröschenschlaf.

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